11.06.2009

Mein Teebeutelorakel

Es gab Zeiten, in denen ich in unregelmäßiger Regelmäßigkeit Horoskope in Zeitschriften las. Nicht weil ich an ihre prophetischen Kräfte glaubte, sondern weil sie mich unterhielten.
Da sich meine jetzige periodische Lektüre nicht solch profaner Seitenfüller bedient, bleibt mir dieses Vergnügen nur noch etwa alle sechs Monate vorbehalten, wenn ich Zeit und Geld für einen Friseurbesuch finde. Die drei bis vier Stunden sind, neben dem Versuch äußerliche Gefälligkeit herzustellen, der intensiven Lektüre der Yellow-Press gewidmet, inklusive eines ausführlichen Studiums der Vorhersagen der Sterndeuter.
Und da ich Horoskope so selten lese, sagen sie mir jedes Mal das Gleiche, was sich dann etwa so anhört:

Love & Friends

Venus und Mars stehen jetzt in Ihrem Zeichen. Da ist es kein Wunder, dass Sie bei dem anderen Geschlecht so begehrt sind. Für Singles ist das eine gute Gelegenheit, um ihren Traumpartner zu finden. Ein kurzer Blick, und schon ist ein Flirt im Gang.

Job & Cash

Sie haben ein paar richtig gute Ideen und können sich nun an deren Umsetzung machen. Gehen Sie trotzdem mit Ruhe und Bedacht vor und behalten Sie die Dinge vorerst noch für sich. Unter der aktuellen Zwillinge-Energie macht das sonst schnell die Runde, was nicht unbedingt ein Vorteil sein muss.

Fitness & Feeling

Sie könnten Bäume ausreißen, so fit sind Sie. Das ruft doch geradezu nach einem aktiven Freizeitprogramm, in dem der Sport nicht fehlen darf. Wenn Sie stattdessen am Wochenende in Ihrer Lieblingsdisco abtanzen, ist das auch in Ordnung. Sie sollten sich aber genug Schlaf gönnen, denn sonst sinken die Stimmung und die Leistungskraft schnell in den Keller.

(das sagt mir die Glamour für diese Woche voraus).

Seit einiger Zeit nun habe ich aber etwas viel besseres für mich entdeckt. Der von mir, im wahrsten Sinne des Wortes, heiß geliebte YogiTee. Er versorgt mich nicht nur mit köstlichen Momenten, sondern ist zugleich auch Teilzeit-Ratgeber.
Auf jeder Packung gibt es eine Yogaübung (auf der heute gekauften Packung Schoko Aztec Spice wird Gurprasad, eine Übung zur Bewusstwerdung empfohlen) und eine Lebensweisheit (in diesem Falle von dem von mir sehr verehrten George Bernard Shaw). Auch jeder Teebeutel wartet mit einem mehr oder minder klugen Spruch auf, der manchmal ein Lächeln auf mein Gesicht zaubern kann, mich andere Tage nachdenklich werden lässt und ab und zu einfach nur profane Glückskekslyrik ist.

Heute sagte mir mein Teebeutelorakel: 'Nimm eine Minute am Tag, um du Selbst zu sein'. Das tue ich nur zu gerne und lehne mich zurück, schlürfe genüsslich Yogi Bhajans Teekreation und lasse Mars und Venus einfach Planeten sein.

Denn eine Minute man Selbst sein zu können oder zu dürfen ist viel mehr Wert als jeder vermeintliche Blick in die Zukunft.

08.06.2009

Mein Karma

And for a minute there, I lost myself, I lost myself

Ich bin mittelmäßig abergläubisch: Ich glaube weder an einen Gott, noch an Vorherbestimmung oder Schicksal. Als Urenkelin der Nihilisten glaube ich zuallererst und verlässlich an mich. Kosmisches Gleichgewicht, ausgleichende Gerechtigkeit - Verbarrikadierungen in der comfort zone um fremdbestimmt zu leben aus Angst vor der Verantwortung für das eigene Leben.

Karma Police I've given all I can It's not enough

Aus der Ereignislosigkeit der letzten Wochen, dem lähmenden Warten auf die Note meiner Magisterarbeit, wurde ich vor einigen Tagen befreit. Und neben der Freude es endlich geschafft zu haben, wuchs in mir eine Unsicherheit, ein komisches, flaues Gefühl.

Nun hat Bauchgefühl nichts mit Schicksal zu tun, aber ich kam nicht umhin mich zu fragen, welche Konsequenzen das überraschende gute Ende meines Studiums nach sich ziehen würden.

Die Antwort, so erscheint es mir, verfolgt mich seitdem. Nun bin ich nicht größenwahnsinnig und denke, es ist so scheußliches Wetter, weil ich eine gute Note bekommen habe. Aber es sammelt sich, und wenn ich denke, 'Das ist schön' oder 'Ich bin glücklich' dauert es nicht lange und eine Gehirn-Fuß-Lähmung, ein tiefes Loch auf einem dunklen, nassen Parkplatz oder ein vergessener Schlüssel kommen daher und erinnern mich daran:

This is what you get when you mess with us

28.05.2009

Meine Wahl

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Neues betrachtet er skeptisch, nur zu gerne bleibt er auf ausgetretenen Pfaden und vermeidet Risiken, die Unbekanntes potentiell darstellen. Das ist zwar traurig, aber nur zu oft auch wahr.
Abwehrend verweist man habituelles Verhalten ans Alter, da einem der mit ihm assoziierte Opportunismus wie ein Verrat an den Ideen und Idealen der Jugend vorkommt (wobei es natürlich ein Paradoxon ist, die Anti-Haltung als Individualismus zu verstehen).
Auch ich bin in der Gewohnheitsfalle gelandet - und habe den Ausbruch gewagt.
Mein unmerklicher Verfall ins Bequeme vollzog sich bei Wahlen. Ich bin begeisterter Wähler und habe, seitdem ich vor zehn Jahren zum ersten Mal meine Stimme bei Europawahlen abgeben konnte, keine Wahl verpasst und genoss jedes Mal meine ausgeübte Volkssouveränität.
Seitdem ich von meinem Stimmrecht Gebrauch machte war meine Wahl immer eindeutig. Ich habe bis dato immer einer Partei die Treue gehalten. Anfangs weil ihr Programm die einzig wählbare Option für mich darstellte, später weil es eine schöne Gewohnheit geworden war, mein Kreuz immer an der gleichen Stelle zu setzen. Inhalte und Programme wurden unwichtiger, die Macht der Gewohnheit führte meine Hand bei der Stimmabgabe.

Für die anstehenden Europawahlen hab ich mir die Wahlunterlagen per Post schicken lassen. Und zum ersten Mal habe ich mir Zeit genommen, wirklich viel Zeit, alles auf dem Wahlzettel zu lesen und mir Gedanken über meine Wahl zu machen. Schon länger fühlte ich mich bei meiner Standard-Partei nicht mehr 100%ig wohl, musste feststellen, dass unsere Ideen und Vorstellungen nicht mehr kongruent waren und ich aus Bequemlichkeit meine Stimme, meinen Anteil an der Souveränität, leichtfertig vergeben hatte.

Also nahm ich mir die 90cm(!)Wahl-Papier, begann Parteiprogramme nachzulesen, befragte den Wahl-O-Mat und entschied mich dann...für etwas Neues. Ein kleiner Schritt auf unbekannten Pfaden.

15.05.2009

Meine Weisheit des Tages II

"Viele haben ein überhöhtes Beziehungsideal" las ich heute bei Spiegel online. Eine Schlagzeile, die meinem Mantra entspricht: die romantische Liebe und die damit verbundenen Ideale sind eine Erfindung der Romantik und nicht zuletzt des Disney-Konzerns.

Ich plädiere für mehr Realismus in der Utopie!

10.05.2009

Mein Mut zur Intoleranz

Ein Freund schrieb vor kurzem über seine Toleranzgrenze. Das erinnerte mich an ein Kamingespräch, das ich vor einem Jahr führte. Ein mir an Lebenserfahrung weit überlegener Mann erläuterte, warum er nicht tolerant sei. Ihm zufolge müsse jemand, der von sich behauptet tolerant zu sein auch Toleranz gegenüber Nazis und Faschischten, radikalen Islamisten und Christen etc. pp. üben. Dazu sah er sich nicht in der Lage, ergo sei er intolerant.
Mir gefiel dieses Argument und als ich den Blog-Eintrag jenes besagten Freundes las musste ich sofort daran denken, dass es eigentlich unmöglich ist, tolerant zu sein.

Ein wenig Wanken in meine Übezeugung brachte dann die "Erklärung der Prinzipien der Toleranz". War ich viel zu intolerant gegenüber der Toleranz gewesen?
"Toleranz", heißt es dort, "bedeutet Respekt, Akzeptanz und Anerkennung der Kulturen unserer Welt, unserer Ausdrucksformen und Gestaltungsweisen unseres Menschseins in all ihrem Reichtum und ihrer Vielfalt."
Toleranz sei explizit nicht,"das Tolerieren sozialen Unrechts noch die Aufgabe oder Schwächung der eigenen Überzeugungen."

Wie aber soll ich Dinge aktzeptieren, die ich nicht tolerieren kann? Toleranz ist, nach Herbert Marcuse, letztlich nur ein parteiliches, subversives Mittel, ein Selbstzweck, der eine äquivalente Gesellschaft eher verhindert als sie zu befördern.

Das lässt mich wieder felsenfest auf dem Sockel meiner Überzeugung stehen.