10.05.2009

Mein Mut zur Intoleranz

Ein Freund schrieb vor kurzem über seine Toleranzgrenze. Das erinnerte mich an ein Kamingespräch, das ich vor einem Jahr führte. Ein mir an Lebenserfahrung weit überlegener Mann erläuterte, warum er nicht tolerant sei. Ihm zufolge müsse jemand, der von sich behauptet tolerant zu sein auch Toleranz gegenüber Nazis und Faschischten, radikalen Islamisten und Christen etc. pp. üben. Dazu sah er sich nicht in der Lage, ergo sei er intolerant.
Mir gefiel dieses Argument und als ich den Blog-Eintrag jenes besagten Freundes las musste ich sofort daran denken, dass es eigentlich unmöglich ist, tolerant zu sein.

Ein wenig Wanken in meine Übezeugung brachte dann die "Erklärung der Prinzipien der Toleranz". War ich viel zu intolerant gegenüber der Toleranz gewesen?
"Toleranz", heißt es dort, "bedeutet Respekt, Akzeptanz und Anerkennung der Kulturen unserer Welt, unserer Ausdrucksformen und Gestaltungsweisen unseres Menschseins in all ihrem Reichtum und ihrer Vielfalt."
Toleranz sei explizit nicht,"das Tolerieren sozialen Unrechts noch die Aufgabe oder Schwächung der eigenen Überzeugungen."

Wie aber soll ich Dinge aktzeptieren, die ich nicht tolerieren kann? Toleranz ist, nach Herbert Marcuse, letztlich nur ein parteiliches, subversives Mittel, ein Selbstzweck, der eine äquivalente Gesellschaft eher verhindert als sie zu befördern.

Das lässt mich wieder felsenfest auf dem Sockel meiner Überzeugung stehen.

22.04.2009

Meine Reminiszenzen

Wenn einen der Blick in die Zukunft ratlos und verängstigt zurücklässt, schweift man lieber in die Vergangenheit um dort etwas zu finden, was den Weg weisen kann.
Mein Blick in die Vergangenheit: nicht zielgerichtet, sondern im Vorbeigehen geschweift.
Was ich fand?

Ersten: Dr. Pepper. Das war das Lieblings- und auch einzige Getränk für Gottes Tochter, die Protagonistin eines Buches, das ich als Teenager liebte. Und dann, in Kambodscha, sah ich auf einmal eine Dose dieses damals so mystischen Getränkes. Gekauft, probiert und...köstlich!
Erste Reminiszenz: Zugewinn.

Zweitens: Dubai - Lulu Hypermarket. Nicht nur hat meine Heimatstadt den Spitznamen Lulu, in diesem Supermarkt fand ich eine Reminiszenz die in meine Zukunft weist. Nämlich 'Teen Spirit'. Jenes ominöse Deodorant, nachdem Kurt Cobain (oder in anderen Versionen seine damalige Freundin) roch daraufhin zu 'Smells like Teen Spirit' inspiriert wurde. Zu finden auf 'Nevermind', meiner ersten richtigen CD im Sinne von 'Das ist Musik, das ist Protest - keine hirnloses DumDamDam und Bämbämbäm'. Das war 1995 und meine erste Liebe wurde zu meiner großen Liebe, ohne dass ich, 12jährig, davon etwas ahnte.
Natürlich kaufte ich mir 'Teen Spirit - Berry Blossom'. Und jeden Morgen, wenn ich ratlos in den Spiegel schaue, fällt mein Blick auf den Stick und erinnert mich daran, was ich seit damals so bedingungslos wie fast nichts anderes liebe: Musik.
Zweite Reminiszenz: Vergangenheit mit Zukunft.

Drittens: Simpsons. Ja, es ist nicht originell die Simpsons zu mögen, sie zu verehren und ihre immense Bedeutung für die (Pop)Kultur zu betonen.
Für mich sind sie aber darüberhinaus noch viel mehr: seit Jahren liebe ich die Doppelfolge am frühen Abend, obwohl ich mittlerweile jede Episode mindestens schon drei mal gesehen habe. Die Simpsons waren auch die erste westliche Serie, an die ich mich bewusst erinnere. Im September 1991, der Fall der Mauer war noch keine zwei Jahre her, liefen die fünf Gelblinge zum ersten Mal durch das ZDF-Programm, und obwohl ich bestimmt nicht die erste Episode gesehen habe, kann es nicht sehr lange gedauert haben, bis ich sie entdeckte, wahrscheinlich aus purem Zufall, denn es herrschten strenge Fernsehvorschriften in meiner Familie.
Seitdem habe ich gelernt den Satz an der Tafel zu lesen (und zu verstehen), habe die Anspielungen nach und nach gefunden und begriffen und liebe den Couch-Gag wie beim ersten Mal.
Seit Jahren immer das selbe Spiel: Bart in der Schule, Homer im Kernkraftwerk, Lisa im Orchester, Marge und Maggie beim Einkaufen - alle auf dem Weg nach Hause, zur Couch. Unzählige Male hatte ich diese Routine gesehen. Und dann das: Seit Folge 20x10 'Take My Life, Please' gab es einen neuen Vorspann. Ich dachte erst, das sei nur temporär, so wie es die opening sequence auch schon mit echten Menschen oder an Feiertage angepasst gab. Aber das war und ist es nicht - die Simpsons haben nach 20 Jahren einen neuen Vorspann.
Dritte Reminiszenz: D'oh!

15.04.2009

Mein Reisefieber

Nun bin ich also wieder zu Hause angekommen - fast zehn Wochen war ich unterwegs. Zwischendurch kehrte ich zwar für 14 Tage ins kalte Lüneburg zurück, aber das war nur ein kleiner, notwendiger Zwischenstopp, um endlich mein Studium abzuschließen.
Dann wurde der Rucksack wieder gepackt und es ging in die Weiten der Welt: nach Rom. Zur Sonne, zu Giolitti, nach Trastevere - und zu einem Erdbeben.

Bevor das terremoto mich und meine Familie aus dem Schlaf riss (außer meine Cousine - die allerdings auch kurz vor ihrer Medizin-Examensprüfung steht und dementsprechend auch in einer ganz anderen Welt lebt, in der ein Erdstoss nicht ausreicht, um den wertvollen Schlaf zu unterbrechen) manifestierten sich zwei Gedanken: 1.) ich brauche nur Sonne und guten Café und jeder Ort der Welt ist schön 2.) am schönsten ist es, dort die Hälfte der Zeit alleine zu verbringen.

Besonders die zweite Einsicht beschäftigt mich nachhaltig. Mich haben 6 1/2 Jahre alleine leben zu einem größeren Sozialphobiker werden lassen, als bisher angenommen. Jede Gruppe, größer als drei Personen, ertrage ich nur noch für einen begrenzten Zeitraum. Maximal drei Tage, noch kürzer, wenn es auch so ausgeprägte Persönlichkeiten sind wie ich.

Ich bin nicht stolz darauf, aber der erste Schritt zur Besserung ist ja bekanntlich die Einsicht.

Und was ist die beste Therapie? Ab unter Menschen natürlich. Und damit kommen wir wieder zum Anfang - zu meinem Reise- und Sonnenfieber.
Es kribbelt in mir; stetig und an Intensität zunehmend. Ich will nicht hier bleiben, ich will wieder in die Welt und sehen, was ich noch nicht gesehen habe. Essen, was ich noch nie geschmeckt habe. Und vor allem will ich wieder gelassener sein. Denn, sei es die Sonne, sei es das Fehlen von grimmigen, überernsten Deutschen - während meiner Zeit in Kambodscha und Thailand war meine Sozialphobie weniger ausgeprägt, war mein Gesicht fast immer von einem stillen, glücklichen Lächeln beseelt und ich war zufrieden, mit dem, was ich hatte. Vor allem merkte ich dort, dass ich vieles, was ich vorher als absolut lebensnotwendig erachtet hatte, gar nicht brauche; dass der ganze angesammelte Besitz zu keinem Zeitpunkt vermisst wurde, sondern die knapp zwölf Kilo Gepäck, die ich mitgenommen hatte, völlig ausreichten.

Vielleicht wird es Zeit für ein paar ernsthafte Veränderungen. Und die Zeit und Umstände passen.
Morgen werd ich mir einen großen Sack nehmen und anfangen, mich von meinem alten Leben Stück für Stück zu verabschieden.
Manchmal muss man eben doch in die Ferne schweifen um sich selbst zu finden.

11.03.2009

Von Gegensätzen

Der vierte Bangkok-Besuch war wie erwartet; nämlich völlig anders als die Male zuvor. Mag es daran gelegen haben, dass ich, mittlerweile ziemlich braun, einfach nicht mehr so sehr über den Tisch gezogen wurde oder mir endlich eine halbwegs sichere Orientierung möglich was - es lässt sich nicht genau sagen. Der letzte Besuch in dieser Mega-Stadt war den Einkäufen vorbehalten (gut, und ein wenig Sightseeing).
So fuhr ich zum unglaublichen Chatuchak-Wochenendmarkt, der nicht nur mit seiner puren Größe (Fläche: 1,13 Quadratkilometer, auf der sich mehr als 10.000 Stände und kleine Ladengeschäften befinden), sondern auch mit dem Angebotenem beeindruckt: es gibt nichts, was es hier nicht gibt. Und in den engen Gassen ist es nicht schwer, die Orientierung zu verlieren.


Zu kaufen gibt es dort alles mögliche und unmögliche. Mehr als einmal verlief ich mich und landete unter anderem auch in der Tierabteilung, in der es nicht nur Zubehör und Produkte für Tiere, sondern die lebenden Exemplare auch gleich mit dazu gab.

Im absoluten Kontrast dazu stand der Besuch der Shopping-Center rund um den Siam-Square. Und man sollte jetzt nicht den Fehler machen und in europäischen Dimensionen denken (etwa an das scheußliche Alexa in Berlin). Diese Mega-Center sind so riesig, dass man auch hier, ähnlich wie auf dem Chatuchak-Markt, die Orientierung sehr leicht verlieren kann und mindestens 2-3 Tage brauchen würde, um alles gesehen zu haben. Aber im Gegensatz zum "puren" Leben in den engen, heißen Gassen des Chatuchak-Marktes, glänzt hier alles und ist so künstlich, wie man es von zu Hause gewohnt ist. Wobei es einem nach fast sechs Wochen in Asien wie ein Wunderland vorkommt.
Passend dazu wurde der 50. Geburtstag von Barbie auf Ebene 3 im Siam-Centre begangen: So viel rosa, so viele erwachsene Menschen in rosa - das kann nicht richtig sein.

Kurioser Weise waren viele der Models, die durch die Barbie-Jahrzehnte mit einer Modenschau führten, auf ihren 10cm Absatz-Schuhen genauso groß wie ich in FlipFlops.

04.03.2009

Von Paradiesen

Endlich raus aus der Stadt, rein in die Natur. Seit nunmehr fast einer Woche befinde ich mich im Paradies: zuerst im Khao Sok National Park, seit 2 1/2 Tagen auf Ko Phangan am Ban Tai-Beach.
Was soll man sagen: es ist einfach wunderschön hier. Und, dank der Wirtschaftskrise, auch recht leer, wie mir Langzeit-Thailandurlauber immer wieder versichern. Von der Stille in Khao Sok und den leeren Traumstränden in Ban Tai mag ich mich ungern verabschieden, aber die Zeit vergeht wie im Fluge, immer näher rückt der Tag der Heimreise.

Abenteuerliche Klettertouren im Khao Sok National Park; und dann noch der Hinweis auf wilde Elefanten...

Kann es etwas schoeneres geben, als einen einsamen Palmenstrand und ein gutes Buch? Nein!
Am wenigstens Freude bereitet mir aber im Moment der Gedanke, wieder in das stickige Bangkok zurückkehren zu müssen. Aber dort steht noch der Besuch des Chatuchak Wochenendmarktes auf meiner Liste, ein Paradies der anderen Art: für einkaufsfreudige Touristinnen.